31.03.2008

Griechenlandberichterstattung in der FAZ

Ich finde die Griechenlandberichterstattung in den deutschen Medien seit über einem Jahrzehnt (also seitdem ich deutsche Zeitungen mehr oder weniger lese) einfach inakzeptabel. Entweder wird gar nicht berichtet (zum Beispiel über die Streiks der letzten Wochen, welche das Land lahm legten) oder von großer Unkenntnis gestrotzt. Warum wird hier nicht ernsthaft Journalismus betrieben?

Jüngstes Beispiel: die FAZ. Ich habe mehrere Artikel gerade zum Namensstreit gelesen. Der Grundtenor ist "Niemand auf der Welt versteht Athen. Griechenland, das große Land, unterdrückt seinen kleinen abhängigen Nachbar. Das muss ein Ende haben. Die NATO ist wichtiger, als die griechische Paranoia".

Leider muss ich hier schon wieder die journalistische Qualität bemängeln.

1. Nicht nur werden Kommentare mit Fakten vermischt, oder eben als Fakten verkauft, was für mich als Leserin heißt, wenn ich auch keine Ahnung hätte, würde ich denken, die Kommentare sind die objektive FAZ-Wahrheit.

2. Es wird nicht recherchiert. Die Artikel sind voller Ungenauigkeiten, wie zum Beispiel, den laut FAZ "unbegründeten Irredentismus". Warum wird hier geschrieben, er sei unbegründet ohne Für- und Gegenargumente dieser These anzuführen?

3. Aber vorallem ist es absolut lächerlich Griechenland als ein großes Land darzustellen, wie den Goliath, der kein Erbarmen mit dem kleinen David, die EJRMazedonien hat. DAS ist gerade eins der Schlüssel, um endlich zu verstehen, was da unten, so weit weg vom großen, supersicheren Deutschland passiert. Griechenland IST ein kleines Land. Die griechische Bevölkerung nicht nur ist sondern fühlt sich auch noch klein, abhängig und machtlos. Griechenland hat eine Geschichte fremder Einmischungen. Die Truman-Doktrin, die britische und US-amerikanische Intervention im Bürgerkrieg, die Wiederherstellung der aufgedrückten Monarchie und die Unterstützung der Militärjunta sind einige Beispiele, wie das Schicksal des griechischen Volkes nicht selbstbestimmt wurde, und daher die Mehrheit der Bevölkerung sich klein und machtlos fühlt.

Es wäre also ratsam (außer mal endlich die formalen Voraussetzungen zu erfüllen, also gründlich zu recherchieren und Kommentare von Fakten so gut wie möglich zu trennen) den Streit der beiden Länder, als einen Streit von zwei kleinen Balkanländern zu betrachten, welche unter Druck und fremder Einmischung sich positionieren. Hier geht es um Politik und nicht (zumindest nicht nur) um "(griechische) Neurosen".

Bild Athen-Kolonos- Imágen Atenas-Colonós- Εικόνα Αθήνα, Κολωνός

Nachtrag 07.04.08: Ich habe eine kleine Explikation zu einem Satz hinzugefügt. Der Sinn bleibt der gleiche.

Kommentare:

Marten hat gesagt…

Gerade habe ich diesen Blog-Eintrag gelesen und mich versucht etwas damit zu beschäftigen. Das größte Problem ist in der Tat, dass so gut wie gar nicht über Griechenland in den deutschen Medien berichtet wird. Das belegen zwei Dinge. Zum einen mein eigenes mangelhaftes Wissen, wobei ich mich in dieser Hinsicht alles andere als ungebildet bezeichnen möchte. Jedoch hole ich mir viele Informationen über deutsche Medien. Zum anderen habe ich wirklich lange gebraucht bei meiner kleinen Online-Recherche bessere Artikel zu finden als die von Dir verlinkten faz-Artikel. Wenn man bei den großen deutschen Zeitungen 'Griechenland' als Suchbegriff eingibt tauchen immer noch hauptsächlich Artikel über die Waldbrände vom letzten Jahr auf. Bei Artikeln über die Nato-Erweiterung wird das Mazedonien-Problem meist nur in Neben(ab)sätzen erwähnt. Viel wichtiger ist den Medien in Zusammenhang mit der Erweiterung das Thema Ukraine und Russland. Hier erkennt man ganz deutlich eine wertende Unterscheidung zwischen 'wichtigen' Ländern und eben 'nicht ganz so wichtigen' Ländern.
Einen einigermaßen guten Artikel habe ich dann doch noch gefunden:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,543531,00.html

Noch ein Kommentar meinerseits zu den faz-"Artikeln": Wirklich schämenswert für eine eigentlich sehr angesehene deutsche Zeitung! Es sind ganz eindeutig Kommentare bzw. sehr kommentarlastige Artikel, die jedoch nicht als solche gekennzeichnet sind. Das entbehrt jeder journalistischen Grundlage!

Marten

Baldo hat gesagt…

Hei Eleni,

in der taz von morgen wird auch ein Artikel dazu stehen, jedenfalls ist online einer zu finden:

http://www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/griechenland-droht-mit-nato-veto/?src=AR&cHash=5d5dc9252a

Allerdings kenne ich mich auch zu wenig aus, um den Artikel zu beurteilen...

Eleni hat gesagt…

Vielen Dank für eure Kommentare und Links.

Meine Antwort ist etwas länger, daher findet ihr sie als extra Post hier:

http://elan-weblog.blogspot.com/2008/04/
zum-namensstreit-nochmal.html