08.06.2007

Vermissen

Gestern meinte ein Freund, er könne besser lernen, wenn die Sonne scheint. Ich nicht. Ich kann es nicht. Den ganzen Tag gestern und heute habe ich es mit vielem Selbstdruck und keiner Motivation tatsächlich geschafft, das Handout zur Unterspezifizierten Semantik gemäß den Anmerkungen meines Dozenten zu überarbeiten.


Ich wollte ganz andere Sachen heute machen, ich wollte Musik hören, kochen, essen, faulenzen und am Meer sein. Das letzte musste ich ganz vergessen, denn es gibt kein Meer in Leipzig, verdammt! Ich will nach Hause, ich will zum Sommer, ich will weg!


An sich hatte ich mir vorgenommen, immer nur Ergebnisse in den Blog reinzustellen, das sollte meine Motivation steigern. Also dann, wenn es sein muss...


Hier das heutige Ergebnis:


1. Eleni vermisst ihre Insel.
2. Eleni vermisst ihre Familie.
3. Eleni vermisst das Meer.


Die Geübten unter euch werden sehen, dass es hier um drei verschiedene vermissen geht (auch um zwei verschiedene ihr, aber das lasse ich jetzt bei Seite). Genauer geht es darum, dass ihre Bedeutung bei jedem Satz eine andere ist. Ihr würdet mir Recht geben, dass ich beim ersten Satz meine, dass ich vermisse auf der Insel, wo ich herkomme, mich aufzuhalten, beim zweiten Satz, vermisse ich die Personen, mit welchen ich verwandt bin und beim dritten Satz, vermisse ich den Blick aufs Meer.


Der Vorschlag wäre eine unterspezifizierte semantische Form anzunehmen und diese im jeweiligen Kontext zu spezifizieren.


So sieht es grob formelhaft für den Satz 1 aus:
x. θnom(eleni, x) θakk(pos_INSEL,x) Qiy [Si(y,x) Ci VERMISS(y)]
In unserem Kontext sieht es dann so (spezifiziert) aus:

p. AG(eleni, p) TH(pos_INSEL,p) e [LOK(e,p) VERMISS(e)]


Der zweite Satz, genau nach dem Muster:
x. θnom(eleni, x) θakk(pos_FAMILIE,x) Qiy [Si(y,x) Ci VERMISS(y)]
In unserem Kontext sieht es dann so (spezifiziert) aus:

p. AG(eleni, p) TH(pos_FAMILIE,p) e [PERS(e,p) VERMISS(e)]


Und der dritte:
x. θnom(eleni, x) θakk(def_MEER,x) Qiy [Si(y,x) Ci VERMISS(y)]
In unserem Kontext sieht es dann so (spezifiziert) aus:

p. AG(eleni, p) TH(def_MEER,p) e [SEH(e,p) VERMISS(e)]


Ihr könntet sagen, diese Spezifizierungen LOK, PERS, SEH sehen so improvisiert aus. Ja, das mag sein, aber sie befinden sich in der Interpretationsebene, sind Inferenzen, welche hier eine Rolle spielen, daher sind sie so auch, denke ich, zulässig.


Also dann werde ich jetzt mich wieder auf die Arbeit stürzen und vielleicht kann ich später mehr dazu schreiben…


Bild Naxos, Chora- Εικόνα Χώρα Νάξου

Kommentare:

Frank hat gesagt…

Wahrscheinlich ist alles aus Sicht der Sprachwissenschaft korrekt, was du über die verschiedenen Bedeutungen von "vermissen" schreibst.
Aber für mich als Laien bedeutet vermissen in allen drei Aussagen - wenn auch mit unterschiedlicher Intensität dasselbe, nämlich das Sich-herbei-Sehnen einer spezifischen Situation, ein Trauergefühl angesichts eines Mangels, der in einst nicht vorhanden war (sonst wäre sehnen das bessere Wort).

Eleni Andrianopulu hat gesagt…

Hallo Frank,
das freut mich ja total, dass du mich immer so fleißig kommentierst. Danke.

Zur Sache: du schreibst das Sich-herbei-Sehnen einer Situation. Bei "Eleni vermisst ihre Familie" geht es um das Vermissen von Personen. Ein Vermissen von Situtationen, wäre vielleicht etwas wie, "Eleni vermisst das Essen ihrer Mutter", weil damit gemeint wäre, das Essen ihrer Mutter zu essen.

An sich, ist es jedoch so, wie du sagst, dass der Sprecher/die Sprecherin nicht gerade auf die Unterschiede und Feinheiten achtet, sondern eher auf das Verbindende der verschiedenen Bedeutungen.